MAGIE PFLANZEN
Schon als Kind beglückten mich Pflanzen, besonders Blumen, und versetzten mich in einen Zustand magischen Staunens und reinen Glücks. Die Begeisterung für Pflanzen ist immer geblieben, und ich freue mich besonders, wenn ich irgendwo eine unbekannte Staude oder ein exotisches Gehölz entdecke. Wenn die Pflanze dann sogar den Einzug in unseren Garten schafft, beginnt das Kennenlernen. Damit, dass mir ihr botanischer Name bekannt ist, bin ich noch längst nicht vertraut mit ihrem Wachsen, Werden, Blühen und Verwelken, ihrem ganzen einzigartigen Zyklus.
Wozu dieses Webportal?
Von Beruf bin ich keine Gärtnerin, auch keine Spezialistin für Stauden- oder Strauchpfingstrosen. Zudem verkaufe ich keine Pflanzen.
Diese Webseite dient ganz einfach der Freude. Jährlich sind für mich all die Blumen und Pflanzen in der Natur und in unseren Gärten eine immense Freude und Quelle des Staunens und Glücks. Glück und Staunen wachsen bekanntlich, wenn man sie teilen und weitergeben kann, und auch das möchte unser Paeoniengarten.
PFINGSTROSEN, BEZUGSWEISE PAEONIEN
Was begeistert die Menschen aller Zeiten so besonders an Rosen? Sind es die vielen Blütenblätter, die oft so kunstvoll ineinandergelegt und angeordnet sind, ihre Farben, ihr unglaublicher Duft, ihre magische Pracht?
Rose,
oh, reiner Widerspruch,
Lust,
Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.
Rainer Maria Rilke war ganz besonders fasziniert von Rosen. Mit seiner Grabinschrift erinnert er daran, dass wir wirklich schauen, immer wieder schauen und nicht stehenbleiben beim oberflächlichen Betrachten.
Rosen sind Inbegriff von Liebe, Schönheit und Glück. Wir erfreuen unsere Liebsten damit. So ist es nur natürlich, dass ihr Name nicht auf die Familie der Rosengewächse reduziert blieb. Im Winter, mitten im Schnee, erblühen Christrosen (Helleborus niger). Es gibt die Rose von Jericho (Anastatica hierochuntica), Sandrosen, bizarre Kristallgebilde in Rosenform, die aus Sand entstehen, sogar kristalline Eisenrosen und eben die Rosen ohne Dornen, die schon an Pfingsten blühen, die Pfingstrosen.
Mit ihnen verbindet mich eine ganz besondere Faszination. Während meines zehnjährigen Japanaufenthalts verliebte ich mich in den Tempelgärten in die Strauchpäonien, in Pflanzen, die ich vorher nie gesehen hatte. Zur Geburt unserer Ältesten am Pfingstsonntag, beglückte uns Tazuko Niimura, meine Tuschmallehrerin, mit einem Paeonienbild.
BOTANISCHE ZUORDNUNG:
Pfingstrosen gehören zur Familie der Pfingstrosengewächse (Paeoniacea). Nach dem Stand heutiger Molekularbiologie enthält diese Gattung 33 Arten. (Hong De-Yuan, «Peonies of the World», 2011). Die Taxonomie hat sich seit der Einführung der DNA-Sequenzierung umfassend geändert, wodurch es viele neue Zuordnungen gab. So entstanden neue Arten und andererseits wurden auch bisherige Arten bereits bestehenden untergeordnet. Die Unterscheidungen sind extrem schwierig, auch weil jede Art, je nach Standort ihre Grösse, Wuchsform und Farben variieren kann. Was die Namen betrifft, sind die Pflanzen in Sigriswil mit dem Namen unter dem sie gekauft wurden, angeschrieben.
Unter all den einzigartigen Paeonien sind für mich die Arten, die Pfingstrosen wie sie in freier Natur wachsen, die wichtigsten. Teils kommen diese leider nur noch an wenigen Wildstandorten vor und müssen unbedingt erhalten bleiben und geschützt werden. Sie sind auch für die Biodiversität, für Insekten und als Grundlage für neue Züchtungen wichtig. Für manche Arten ist es schwierig, eine Züchterin oder einen Züchter, die/der sie verkauft, zu finden.
Staudenpfingstrosen, ausdauernde krautige Pflanzen, sind in der Schweiz weit verbreitet. Ihre oberirdischen Sprosse sterben im Spätherbst ab. Es gibt aber auch verholzende Arten und Sorten, die als Sträucher wachsen, und meistens «Baum- oder Strauchpäonien» genannt werden. Toichi Itoh, einem Züchter in Japan, ist es gelungen, Stauden und Sträucher zu kreuzen, und mit den Itoh-Hybriden schuf er eine neue Form, die Eigenschaften von beiden vereinigt.
NAME:
Die Gattung «Paeonia» wurde 1753 von Carl von Linné erstmals beschrieben. Den Namen bekam die Pflanze wegen ihrer Heilkraft. Nach der griechischen Sage gelang es «Paion», dem Gott der Heilkunst, mit der Wurzel einer Pflanze den Pluton zu heilen. Pluto, der Gott der Totenwelt, war im Krieg durch Herakles schwer verwundet worden. Als Dank für die wundersame Heilung bekam die Pflanze den Namen des Gottes der Heilkunst, «paionia» oder später Paeonia, und wurde zum Inbegriff des Heilens. Ähnliches berichten auch römische Dichter: Vergil beschreibt im 7. Gesang der Aeneis, dass es der Göttin Artemis mithilfe einer Pfingstrose gelungen sei, Virbios, den Sohn von Theseus, der von Pferden seines Vaters getötet worden war, wieder zum Leben zu erwecken!
Als Heilpflanzen wurden Pfingstrosen seit dem Mittelalter in allen Klostergärten gepflanzt. Von Pflanzenexpeditionen anfangs des 20. Jahrhunderts auf dem Dach der Welt und an anderen Orten Chinas und Tibets, vernehmen wir, dass auch dort Strauchpaeonien ihrer Heilkraft wegen in den Klostergärten anzutreffen waren.
HERKUNFT DER ARTEN BZW. WILDFORMEN
Paeonien sind ursprünglich nur auf der nördlichen Halbkugel heimisch. Staudige Arten gibt es in Amerika, Südeuropa, Russland, Iran, China und Japan in freier Natur. In Europa finden wir Standorte in Spanien, Italien, Griechenland, der Türkei, auf dem Balkan und sogar eine wildwachsende Paeonie am Monte Generoso im Tessin. Die Strauch- oder Baumpaeonien jedoch, sind nur in Ostasien (China, Tibet, Mongolei, Korea) beheimatet.
Die folgende Beschreibung berührt mich immer wieder neu. Es ist der Bericht von Reginald Farrer, der 1914 wohl als erster Europäer die langersehnte Paeonie Rockii in der Natur, ausserhalb von Tempelgärten, erblickte. Interessant finde ich auch, dass es für ihn, den grossen Pflanzenkenner, aus Distanz beim ersten Anblick klar war, dass es in freier Natur niemals eine so grosse Blüte geben könne, was natürlich viel über diese Blume aussagt. Reginald Farrer (1880-1920) aus Ingleborough, Yorkshire, war ein passionierter Alpinen-Gärtner. Er schrieb das zweibändige Standardwerk, Der Englische Steingarten. Nach dem Ersten Weltkrieg starb er auf einer Entdeckungsfahrt mit E. H. M. Cox an der Grenze zwischen Burma und China. Aus seinem Buch: Auf dem Dach der Welt über eine Expedition:
…«Ich setze mich schliesslich, um auszuruhen, schaute die steilen Pfade abwärts auf das kleine Dorf zu meinen Füssen, so gemütlich und hübsch in dem Pappelhain, bis mein Blick auf einigen weissen Gegenständen etwas entfernt in den Hügeln hängenblieb. Für Blumen eindeutig zu gross, aber es musste auf jeden Fall untersucht werden, was diese weissen Wollbüschel oder Papierknäuel hier im wilden Unterholz zu suchen hatten, die hier und da über dem kleinen Gewusel von Berberitzen und anderem thronten. Wahrscheinlich hatten sie irgendeine religiöse Bedeutung. Man würde sehen.
Ich watete durch die flachen, schäumenden Gewässer des Gehölzes, und bald nahm mir die zunehmende Aufregung den Atem, denn je näher ich meinem Ziel kam, desto sicherer wurde ich, dass vor mir eine wilde Moutan-Paeonie wuchs. Das allein muss schon begeistern, aber alle Gedanken an eine botanische Entdeckung verblassen beim Anblick dieser erstaunlichen Blume, der überwältigendsten Pracht unter allen Sträuchern. Hier im Unterholz wuchs sie empor, schlank und aufrecht, mit zwei oder drei unverzweigten Trieben, an deren Spitzen jeweils eine dieser enormen Blüten schwebte. In kühner Eleganz gefaltet und gewellt, von absolutem reinem Weiss und mit fiedrig ausstrahlenden, tief rotbraunen Flecken am Grund der Petalen, gekrönt durch die goldene Quaste im Herzen der Blume. Diese schneeweissen Schönheiten schwebten über dem dichten Dornengestrüpp, und ihr Atem strich süss wie Rosenduft durch die Dämmerung. Lange Zeit verharrte ich in Ehrfurcht und kehrte schliesslich bei Sonnenuntergang voller Zufriedenheit zurück».
ÜBER DAS GLÜCK, DEN GANZEN JAHRESZYKLUS MITERLEBEN ZU KÖNNEN:
Seit wir in der Schweiz an südlicher Hanglage des Thunersees wohnen, fanden über 200 verschiedene Stauden- und Strauchpaeonien den Weg in unseren Garten. Jede ist einzigartig. Der wichtigste Schwerpunkt gilt den Arten oder Wildformen, wie sie R. Farrer beschreibt und wie sie ursprünglich in der Natur wachsen. Sie bewundern und pflegen zu dürfen, ist mir eine immense Freude und je nach Pflanze auch eine Herausforderung. Ohne die extremen Reisestrapazen durch unwegsame Gebiete und die Schwierigkeit, den Zeitpunkt zur Blüte zu treffen, darf ich sie in ihrem Wachsen und Werden, vom ersten Knospenansatz bis zum ausgereiften Samenstand, durch den Jahreszyklus bewundern und begleiten. Auch die Schönheit und Vielfalt von Zuchtformen sowohl von Stauden wie Sträuchern ist absolut unglaublich. Wir tauchen ein, in eine magische Welt des Staunens.…
Pfingstrosen sind keine Dauerblüher. Sie wachsen, blühen, und verwandeln sich schnell. Die ersten Wildformen öffnen ihre Knospen schon Mitte April. Bald folgen die Strauchpaeonien und Mitte bis Ende Juni sind auch die späten Stauden verblüht. Wenn ich heute nicht da bin und schaue, ist morgen manches anders und vorbei. Nach kurzer Zeit lässt die faszinierendste Blüte ihre Blütenblätter fallen, und mit dem Samenstand setzen die Paeonien ihre unterschiedlichsten Krönchen auf, die nun bis in den späten Herbst Stauden und Sträucher zieren.
Ist es diese ständige Transformation, die kein Festhalten erlaubt, die Einladung und Herausforderung zum Leben im Jetzt, zum Erwachen, die auch Rilke so berührt hat? Mir scheint, dass der deutsche Name nicht nur wegen der Blütezeit passt. Ist nicht Pfingsten das Fest, das uns genau dazu inspirieren möchte?
PAEONIENGARTEN IN SIGRISWIL
Im Frühjahr 1996 zog unsere sechsköpfige Familie, damals mit kleinen Kindern, im Chalet Sunneschyn, in Sigriswil, Endorf, ein. Mit dem Gestalten und Pflegen des Gartens, der zum Haus gehörte, entdeckte ich, Katharina, meine Freude am Gärtnern, und nach zehn Jahren in Japan und fünf Jahren in Bern, lehrten und halfen mir die Pflanzen, am neuen Ort Wurzeln zu schlagen. Eher zufällig hatte ich auch drei Strauchpäonien, bezeichnet mit Paeonia «Suffruticosa weiss», «Paeonia Suffruticosa rosa» und «Paeonia Suffruticosa rot», die ich in einem Gartencenter gefunden hatte, gepflanzt. Sie entwickelten sich prächtig, und zusätzlich inspiriert vom Buch «Prachtvolle Päonien» von Michael Rivière, bestellte ich 1998, damals noch ohne Internet, mithilfe eines PPP-Index (Pflanzeneinkaufsführer für Europa) die ersten Strauchpaeonien. Die Südlage über dem Thunersee schien auch den Paeonien zu gefallen, und wenn es möglich war, fanden über die Jahre jeweils zur Pflanzzeit im Herbst weitere Paeonien den Weg in unseren Garten. Eine Monokultur von Pfingstrosen war nie das Ziel. Eine gute Durchmischung unterschiedlichster Pflanzen, die ja für meine Tuschmalerei gleichsam die Grundlage ist, war und bleibt mir wichtig. Zudem schätzten wir die Möglichkeit, auch reichlich Beeren und Gemüse für den Eigenbedarf der Familie pflanzen zu können. Die Jugendlichen flogen inzwischen aus, das grosse Trampolin vor dem Haus wurde nur noch selten genutzt und im Herbst 2014 konnte der Päoniengarten mit rund 50 zusätzlichen Paeonien damals auf rund 160 Pflanzen erweitert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt mein grösstes Interesse den Wildformen, (Arten), die natürlich nicht einfach zu finden sind. Da sie aus unterschiedlichen Klimazonen kommen, finden hier, auf 770 Metern über dem Meer, natürlich nicht alle Wildarten optimale Bedingungen. Nach dem Motto «Frisch gewagt ist halb gewonnen» versuche ich das Beste und bin gespannt, wie sich die Neuankömmlinge akklimatisieren und entwickeln. Wie C. Burkhardt beschreibt, dauert es bei den meisten Päonien rund 4 Jahre, bis sie so richtig in Form kommen.
Wo die Namen ziemlich sicher sind, sind die Paeonien in unserem Garten mit den lateinischen Namen beschildert. (Nach der Nomenklatur von «Paeonies of the World» von Hong De–Yuan und nach Dr. Carsten Burkhardt`s Web Project Paeonia www.paeo.de – ein unglaubliches Werk, das ich allen Paeonienfreund:innenen sehr empfehle.)
Wildformen sind auf unseren Namensschildern mit Sternen bezeichnet. Auf dieser Webseite möchten wir die Bilder für sich sprechen lassen. Namen sind eingefügt. (oben rechts auf (i) klicken.) Besonders bei den Arten, wo Hong De-Yuan neue Zuteilungen macht, oder hier und dort als Hybride bezeichnet, was laut Verkäufer als Art galt, ist es möglich, dass die gleiche Pflanze je nach Forschungsstand unterschiedlich benannt wird. So finden Sie auch hier oft mehrere Namen.
Während der Paeonien-Blütenzeit im Mai laden wir jeweils Gartenbesucher:innen, die Interesse haben, auch zu einer Verkaufsausstellung von japanischen Tuschbildern im Haus ein. Mehrheitlich handelt es sich um Hängerollen von Katharina Shepherd. www.tuschmalerei.ch
PFLEGE, WESHALB PFINGSTROSEN BZW. PAEONIEN PFLANZEN?
Vorerst die Antwort von Carsten Burkhardt, dem grossen Paeonien-Spezialisten in Deutschland:
«Weil die Schnecken sie nicht fressen, die Wühlmäuse sie nicht anknabbern und sie andere schöne Eigenschaften haben, inklusive der sonst so schönen Pflegeleichtigkeit und Langlebigkeit, weil sie duften. (Natürlich längst nicht alle Sorten.)
Beachten Sie beim Kauf von Pfingstrosen bitte, dass diese Pflanzen sehr langlebig sind, aber auch keine Schnellstarter sind. Sie sind eher Pflanzen für den ‹Geduldigen Faulen›, um Karl Försters Urteil über Hemerocallis ‹Für den intelligenten Faulen› etwas abzuwandeln, vielleicht noch mit dem Zusatz Geniesser wegen des berauschenden Duftes. Im ersten Jahr kämpft die Pflanze um’s Überleben, im 2. Jahr setzt sie sich langsam durch, und im 3. Jahr setzt sie zum Sprung an – ab dann haben Sie lange Zeit Freude mit ihr. Wer’s schneller braucht, sollte Fleissige Lieschen (Impatiens) kaufen.»
Ein guter Boden mit Drainage ist von Vorteil. Das Zurückschneiden im Herbst ist wichtig, um reichlich Blüten und gute Strauchformen zu bekommen. Paeoniengrauschimmel, Botrytis paeoniae, kann eine grössere Herausforderung werden. Auch damit sich keine Pilzkrankheiten verbreiten, sollte das alte Laub im Herbst nicht liegenbleiben. Paeonien teilen ihr Wurzelwerk nicht gerne mit vielen anderen Pflanzen. Deshalb fordern Jäten, aber auch das Aufbinden der jungen Triebe im Frühjahr, das Zurückschneiden im Herbst, sowie das Verteilen von Kompost doch auch Zeit und Zuwendung.
KURZE BLÜTEZEIT
Es gibt viele fantastische Langzeitblüher, die uns während des ganzen Sommes beglücken, wie zum Beispiel Rosen. Weshalb nun ausgerechnet Päonien, Pflanzen, die vom ersten Aufblühen bis zum Welken nur ein bis zwei Wochen pro Jahr ihr ganzes Blütenfest hervorzaubern und verschleudern? Natürlich kann man sagen, es gebe frühe und späte Sorten, einige Wildformen und Strauchpäonien öffnen oft schon Mitte April ihre ersten Blüten während die spätesten Stauden bis Mitte Juni oder später noch Blüten hervorbringen. Meine unglaubliche Begeisterung und Passion liegt anderswo: Gerade weil ihr Blühen so kurz ist, sind sie so unglaublich! Sie machen die Blütenzeit zum Fest, das Aufblühen zur Sensation. Mann eilt hinaus in den Garten, denn, was ich heute nicht sehe, ist morgen vorbei. Seit meinem 20. Lebensjahr übe ich Zazen. All meinen Lehrern und Lehrerinnen verdanke ich viel. Zu diesen gehören z. B. auch unsere vier (jetzt erwachsenen) Kinder und viele Pflanzen, besonders die Paeonien. Sie lehren mich die Präsenz im Augenblick «Carpe diem», «Nutze den Tag» sagt der Lateiner, nutze den Moment, sei gegenwärtig im Jetzt, lehrt jeder Zenlehrer, jede Zenlehrerin. Wenn ich an die ganze unermesslich lange Evolution des Lebens auf unserem Planeten denke, so stelle ich mir immer wieder den Tag vor, an dem zum allerersten Mal die erste Blüte aufblühte. Kein menschliches Auge war da sie zu sehen; doch da war stilles, pures Glück. Ich denke, es ist der Geburtstag der Freude. Sicher wird nun der Biologe sagen, dass jene erste Blüte so winzig klein war, dass kein menschliches Auge sie hätte sehen können, dass erst viel, viel später allmählich farbige Blütenblätter und Insekten kamen …
Also denke ich an die Rose des kleinen Prinzen, die so einmalig ist, weil er so viel Zeit und Hingabe für sie verwendet hatte. «Adieu», sagte der Fuchs. «Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar». «Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar», wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. «Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, macht deine Rose so wichtig … Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen», sagte der Fuchs, …
Also möglicherweise ist die unbeschreibliche Faszination, diese Magie der Paeonien, eher eine Herzensangelegenheit.
Zurück zur kurzen Blütezeit: Ich hatte das Privileg, während zehn Jahren in Japan zu leben. Die Sensibilität und Freude, das Feiern und Beobachten der Blumen und ihrer Zyklen, die im Jahresverlauf scheinbar die gesamte Bevölkerung mitfeiert, beeindruckten mich riesig. Kirschblüten sind so beliebt und werden gefeiert, weil sie so kurz blühen! Es gibt im ganzen Land viele Tausende von Zierkirschbäumen. Sie blühen während einer Woche, meistens Anfangs April. Das ganze Volk ist auf den Beinen um in Park- und Tempelanlagen, an Flussufern und in Wäldern diese einmalige Pracht zu sehen. Man sinniert über die Kürze des Lebens, und dass wir bald schon am anderen Ufer im Jenseits sind. Darüber ist man nicht traurig, vielmehr feiert, geniesst und trinkt man oft mit ausgelassenen Trinkgelagen bis zum Umfallen. Im Frühling 2014 unternahmen wir mit einer Gruppe von 18 Personen eine dreiwöchige Japanreise zur Kirschblütenzeit. Wir hatten ausserordentliches Glück, kamen zum besten Zeitpunkt für die Kirschblüten an und auch das Wetter war fast immer gut. Ein Tag vor der Abreise sagte eine Teilnehmerin, sie hätte zum ersten Mal so richtig erfahren was Vergänglichkeit sei. Diese atemberauschenden Kirschblütenwolken waren so unglaublich, doch zehn Tage später, noch vor unserer Abreise war der Zauber völlig vorbei. Wären wir eine Woche später angekommen, hätten wir das verpasst. Paeonien, besonders die verholzenden Strauch – oder Baumpaeonien kommen ursprünglich mehrheitlich aus China. Auch in Japan gibt es Paeoniengärten. In Tempelanlagen wachsen oft Paeonien. Doch da der Boden allgemein eher sauer ist, gedeihen Paeonien hier im Westen leichter als im japanischen Privatgarten. Blumen werden in Japan sehr bewundert, verehrt und immer wieder gemalt. Strauchpaeonien gelten in China als «Kaiserliche Blume», sind Sinnbild für Glück, Wohlstand, Vollendung. In Japan hat eher die Chrysantheme diesen Platz und ist im Wappen des japanischen Kaisers.
PAEONIENBLÜTEN IN JAPAN IM WINTER UND IM SCHNEE
Eigentlich kann ich kaum sagen, weshalb gerade Paeonien diese Magie auf mich ausüben. Meine ersten Begegnungen waren Paeonienausstellungen im Winter in Japan, im Hachimannschrein in Kamakura, als im Januar unter Strohhüten und gelegentlich mit Schneekappen unglaubliche Paeonienblüten zu bestaunen waren.
Es erinnerte mich ans Weihnachtslied von Ernst von Wildenbruch:
Christkind kam in den Winterwald,
der Schnee war weiss, der Schnee war kalt.
Doch als das heil’ge Kind erschien,
fing’s an, im Winterwald zu blühn.
Erst Jahre später fand ich heraus, dass all jene Pflanzen künstlich in Treibhäusern für die Winterausstellung mit entsprechenden Wärme- und Lichtverhältnissen vorgezüchtet wurden, und da sie auch frostige Temperaturen ertragen, werden sie für die Ausstellung in Töpfen temporär und gekonnt platziert.
Zur Geburt unseres ersten Kindes am Pfingstsonntag brachte meine Tuschmallehrerin ein Paeonienbild ins Spital. So wurde die Päonie für mich wie ein Symbol für dieses unfassbare Geheimnis und Wunder, unser erstes Kind zu empfangen.
PAEONIEN IM VERLAUF DES JAHRES
Aber dauert das Staunen und die Freude an den Päonien tatsächlich so kurz?
Bei weitem nicht!
Wenn im Spätherbst alles zur Neige kommt, wenn die Tage kurz und neblig sind und die ganze Natur auf Rückzug und Ruhe umstellt, dann sind sie schon da, die ersten prallgefüllten Knospen, die ihre Augen getrieben haben und überall schon ein neues Kommen, einen wiederkehrenden Frühling verheissen! Manchmal im Winter, wenn ich die Blumen vermisse, gehe ich zu den Päonien. Ihre Knospen machen sichtbar, was sich meist im Verborgenen unter der Erde vorbereitet. Früh im März beginnt der Blattaustrieb. Diese Vielfalt! Es ist unglaublich. Besonders die Wildformen der Staudenpäonien zeigen, was Farben und Formen betrifft, sehr besondere Austriebe. Das Heranwachsen der Knospen bei den Stauden direkt aus der Erde und aus den holzigen Zweigen bei den Sträuchern, geschieht Jahr für Jahr in unglaublich rasantem Tempo. All die unterschiedlichen Laubformen und Farben allein sind fantastisch. Noch blühen Hamamelis und Chimonanthus und schon bestaunt man all die Knollenblüher, Zyklamen, Krokusse, Schneeglöcklein, Wildtulpen… Dann Primeln, Löwenzahn überall, Kirsch- und andere Obstblüten, und kurz darauf eröffnen die ersten Wildformen von Staudenpaeonien wie Mlokoswitschii und Tenuifolia den Paeonienreigen. Eine intensive und anstrengende Zeit beginnt. Staunen, Staunen, Schauen und wieder Schauen. Die Entwicklungen gehen schnell. Bald schon zeichnen sich die ersten Samenstände ab.
Wenn das Blütenkleid schrumpelig wird, die Staubbeutel zusammenfallen, die seidenen Blütenpetalen nicht mehr so fest am Blütenkelch verankert sind, und plötzlich tanzend davonfliegen, dann entfaltet der Blütenstand sein Krönchen. Kaiserlich und majestätisch steht diese Krone da. Wenn wir die Samen ausreifen lassen, ist auch dieser ganze Prozess ein Gedicht für sich. Später dann beginnen die Laubverfärbungen … Natürlich zieren im späteren Sommer auch viele Begleitpflanzen unseren Garten.